Nach 2 Jahren der Planung und Wochen des Streichens, Aufbaus, Abrisses und Wiederaufbaus ist es nun endlich soweit: Der Stadtbauernhof hat seine eigene Komposttoilette.

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Leuchtet in allerschönstem Schwedenrot: Die Komposttoilette

Warum eine Komposttoilette? Auf den ersten Blick scheint es ja eher unpraktisch, denn die Auffangbehälter unter der Toilette müssen regelmäßig geleert werden. Auch könnte man sich wegen eventueller Geruchsbelästigungen Gedanken machen. Also hier ein paar Hintergründe zu unserer Entscheidung.

1. Der Stadtbauernhof (inklusive Ulanen Hof und Wohnhaus) ist nicht an das städtische Abwassernetz angeschlossen

Das bedeutet, dass etwa alle zwei Wochen (bei gutem Wetter und vielen Gästen im Ulanen Hof auch häufiger) die Klärgrube ausgepumpt werden muss. Dafür fährt jedes Mal ein Saugwagen der ZKE den ganzen Weg durch das Almet zum Hof. Und wer schon einmal neben einem Saugwagen saß während dieser eine Klärgrube auspumpt weiß: Es ist laut und es riecht – sagen wir mal – unangenehm. Mit einer eigenen Toilette für die großen und kleinen Besucher des Stadtbauernhofes wollen wir die Menge an Klärschlamm in der Grube (und damit die Besuche des Saugwagens) verringern.

2. Die Komposttoilette ist ein Teil der nachhaltigen Landwirtschaft

Aber keine Sorge, das bedeutet nicht, dass wir die vollen Behälter regelmäßig auf dem Gemüsebeet auskippen (da gibt es auch rechtliche Regelungen die beachtet werden müssen). Aber zunächst einmal: Unsere Trockentoilette ist kein Plumpsklo! Der Unterschied ist, dass flüssige (also Urin) und feste Bestandteile getrennt in Behältern gesammelt werden. Kot wird noch zusätzlich durch Sägespäne oder Mulch getrocknet. Dadurch wird die Entstehung unangenehmer Gerüche verhindert, diese entstehen nämlich duch Fäulnisprozesse (also durch Mikroorganismen unter Luftabschluss) beim Mischen von Kot und Urin. Und diese Fäulnisprozesse wiederum verhindern die Entstehung von Humus (welcher durch Bodenlebewesen an Luft gebildet wird). Das trockene Kot-Mulch-Gemisch verrottet innerhalb von 2 Jahren zu Humus, Urin kann, verdünnt mit Wasser als Pflanzendünger verwendet oder der Klärgrube zugeführt werrden.

Soweit so gut, aber warum wollen wir überhaupt Humus und Dünger aus menschlichen Abfällen herstellen? Was ist mit Krankheitserregern? Oder Medikamenten?

Der Gehalt an Nährstoffen in unseren Abfallprodukten ist sehr hoch. Zum Beispiel enthält Kot ebensoviel Stickstoff wie unser gewöhnlicher Biomüll, also Obst- und Gemüsereste oder Rasenschnitt, Urin sogar etwa das Dreifache. Ebenso ist der Gehalt an anderen für die Pflanzen nützlichen Elementen wie Kalzium, Kalium, Phosphor und Zink genauso hoch oder höher. Der Anteil an Schwermetallen, wie zum Beispiel Cadmium, Chrom, oder Nickel liegt dabei niedriger als bei Obst- und Gemüseabfällen und unter den Grenzwerten der Bioabfallverordnung [1].

Menschliche Ausscheidungen können verschiedene Krankheitserreger, von Bakterien (E. coli, Salmonellen), über Viren (Rota, Hepatitis), Protozoen und Würmer bzw. Wurmeiern enthalten [2]. Um diese abzutöten gibt es verschiedene Wege mit verschiedenem Aufwand. Nach einer ’normalen‘ Kompostierung bei etwa 37°C sind nach 2 Jahren keine Pathogene mehr nachweisbar [3]. Schneller geht es mit zum Beispiel mit thermophiler Kompostierung bei 70°C, dann dauert es nur 1 Stunde bis alle Erreger abgetötet sind.

Medikamente sind leider problematisch, da sie sich in manchen Fällen im Boden anreichern können. Normalerweise aber bauen sich Medikamente im Boden schneller ab als in Fließgewässern, wo sie oft auch nach der konventionellen Reinigung in Kläranlagen, und damit in unserem Trinkwasser, nachgewiesen werden können [4].

In der industriellen Landwirtschaft gelangen durch die Düngung mit Rinder- und Schweinegülle hohe Mengen and Antibiotika in die gedüngten Böden und durch Regen auch in den Wasserkreislauf. Die Antibiotikakonzentration im Urin ist vergleichsweise niedrig verglichen mit der Konzentration in Gülle. Weiterhin werden Antibiotika im Boden innerhalb einiger Tage bis Wochen abgebaut [5].

Nun denn, ab jetzt machen wir am Stadtbauernhof aus Scheiße Gold Blumen.

Wir danken besonders den Menschen, die alles geplant, organisiert und aufgebaut haben: Agnes, Karin, Klaus, Justus, Frauke und Martin – ihr seid spitze!

Quellen:

[1] Krause et al., Sauberer Kompost – sauberer Dünger: Schadstoffarme Reststoffe aus der Stadt als Pflanzendünger nutzen. Forschungsreport Spezial: Ökologischer Landbau 4 (2015) 8-9 (Link)

[2] Schönning C & Stenström TA, Guidelines on the Safe Use of Urine and Faeces in Ecological Sanitation Systems. Swedish Institute for Infectious Disease Control (SMI) 2004 (Link)

[3] http://www.igzev.de/wp-content/uploads/2014/12/fact_sheet_hygienisierung_version_mai2014.pdf

(über: www. anstiftung.de/urbane-gaerten/aktuell/100031-trockentoiletten-triple von http://www.kante.info – Kollektiv für angepasste Technik)

[4] Anthropogene Spurenstoffe, Krankheitserregerund Antibiotikaresistenzen im Wasserkreislauf – Relevanz, Monitoring und Eliminierung. DWA Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V., Hennef 2017 (Link)

[5] Schmitt H, ter Laak T, Duis K, Development and dissemination of antibiotic resistance in the environment under environmentally relevant concentrations of antibiotics and its risk assessment. Umweltbundesamt 2017 (Link)

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