Interview mit Dagmar vom Stadtbauernhof

Über 100 Mitglieder engagieren sich für den Stadtbauernhof Saarbrücken. Das sind über 100 verschiedene Persönlichkeiten, unterschieldliche Motivationen und tausende von Ideen. In unserer Interviewreihe möchten wir euch einige der Menschen vorstellen, die sich auf ihre eigene Art für den Stadtbauernhof engagieren und zeigen, wie vielfältig dieses Engagement ist.

Heute treffe ich Dagmar, die seit Anfang Dezember die Bauarbeiten auf dem Stadtbauernhof koordiniert.

Dagmar, du koordinierst seit Anfang Dezember als ‚Hofbaumeisterin‘ die Bauvorhaben am Hof, bist aber schon von Anfang an als Mitglied beim Stadtbauernhof dabei. Magst du dich kurz vorstellen?
Ich bin von Hause aus Geographin, habe hier in Saarbrücken Biogeographie studiert. Dann habe ich lange nicht in Saarbrücken gewohnt und bin jetzt beruflich ganz woanders gelandet, nämlich beim Hörfunk, beim SR. Ich habe 2 Kinder, 14 und 16 Jahre alt. Ja, und ich bin froh, dass wir relativ nah beim Stadtbauernhof wohnen, dass es den Stadtbauernhof gibt… und darauf mich jetzt ein bisschen mehr einzubringen.

Du hast auch einen Ernteteil, richtig?
Genau, ich erinnere mich an die Gründungsveranstaltung auf dem Wackenberg und die Auftaktveranstaltung – die SR3 Landpartie auf dem Hof. Ich erinnere mich also genau an die Anfänge und an den Zustand, in dem der Bauernhof damals war vor – ich weiß garnicht genau – 4 Jahren, 3 Jahren?

Vor knapp 4 1/2 Jahren.
Ich hatte das damals verfolgt als der Hof zum Verkauf stand. Am Ende waren, wenn ich mich richtig erinnere noch zwei Bieter mit zwei Perspektiven: Das eine war eine Art Hundepension und die andere der Stadtbauernhof. Wir haben schon gehofft, dass aus dem Gelände ein Bauernhof wird und wollten das von Anfang an unterstützen, weil wir die Idee so gut fanden.

Wie hast du davon erfahren?
Das stand damals in der Zeitung. Und da wir ja in St. Arnual wohnen, haben wir das auch mitbekommen.

Nun koordinierst du ja seit kurzem die Bauvorhaben auf dem Hof. Was hat dich dazu bewogen?
Meine Motivation dafür ist, dass wir bis vor kurzem in St. Arnual einige Jahre lang ein altes Haus renoviert haben und mir das sehr viel Spaß gemacht hat. Ich konnte auf unserer Baustelle sehen, dass man mit kleinen Mitteln auch im alten Gebäude viel erreichen kann. Die Herangehensweise auf dem Hof finde ich sehr spannend, denn die Gebäudesubstanz ist dort so schlecht, dass wenn man wie ich aus dem Münsterland kommt, oder wie ein Helfer am Samstag aus dem Emsland, dort würde man nur eine Option sehen: nämlich abreißen. Kein Mensch dort würde solche Gebäude renovieren. Das hört sich jetzt vielleicht total bescheuert an, aber: Gerade aus dem Bestand, der eben jetzt erstmal schlecht ist, mit den Mitteln die man halt hat, etwas zu machen, finde ich einfach reizvoll. Also nicht zu sagen, man hat jetzt einen tollen Bauernhof, wie man sich eben einen Bauernhof so vorstellt.

Du meinst so einen hübschen Dreiseitenhof mit Fachwerk?
Genau so etwas ist eben nicht da. Und trotzdem wollen wir damit jetzt arbeiten und etwas daraus machen.

Wann wurden die Gebäude etwa gebaut?
In den 50-er Jahren. Eine Zeit wo man wirklich nichts zum Bauen hatte, und mit dem was man nicht hatte noch angebaut hat.

Wir hatten ja jetzt bereits die erste Bauaktion am Wochenende [die Renovierung der Innenküche] wo wir die Fliesen innen entfernt haben. Dabei haben wir gefunden: Fliesen auf Fliesen auf Putz auf ich weiß garnicht was.

Tragende Fliesen sozusagen?
So ungefähr. Wir haben die tragenden Fliesen jetzt weggemacht, das Gebäude steht noch und jetzt schauen wir wie wir von hier weiter gehen.

Parallel zu den Gebäuden ist ja auch auf den Ackerflächen schon ganz viel entstanden. Das war vorher auch kein Gelände wo man gesagt hätte: „Wow, das ist ideales Ackerland“, sondern das war ein ziemliches Durcheinander. Und genau so können wir nach und nach bei den Gebäuden viel rausholen.

Die Mittel am Hof sind begrenzt. Wie wirst du damit umgehen?
Das größte Potential sind die Aktiven, die Mitglieder des Vereins. Es müssen auch nicht zu jeder Bauaktion 20 Leute da sein. Wenn ein paar Menschen einen Tag lang mit anpacken und die Aktion gut vorbereitet ist, können wir schon erstaunlich viel bewegen.

Wie glaubst du können wir unser Potential, also die Menschen, besser aktivieren?
Zum einen muss man die Leute mit ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten besser kennen lernen. Manche haben vielleich beruflich mit Bau zu tun und bei der Planung unterstützen. Manche können vielleicht gut mit anpacken, was beim Bauen auch ganz hilfreich ist, wenn man zum Beispiel einen halben Container Fliesen bewegen muss. Und tatsächlich der wichtigeste Punkt ist es, ein gutes Netzwerk zu bilden. Also, dass man voneinander weiß, dass man nach und nach die Leute anspricht – geziehlt anspricht – und ihnen deutlich macht, dass wir hier gemeinsam etwas bewegen können. Wenn sie also zum Beispiel sehen: „Aha, das war vorher ein schäbiger Raum und der ist jetzt ganz nett geworden“. Genau wie man es auch auf dem Acker sieht: „Das war hier vorher eine ungepflegte Wiese und nun wächst da Gemüse. Ich bin fest davon überzeugt, dass solche anschaulichen Beispiele da als positive Motivation unheimlich weiter helfen.

Was meiner Meinung nach nicht funktioniert ist, wenn jemand mit erhobenem Zeigefinger da steht und sagt: „Jeder muss muss muss!“. Dann bekommen die Leute ein schlechtes Gewissen und schleichen sich heimlich in den Ernteraum um ihr Gemüse abzuholen. Ich kenne das Gefühl ja von mir selbst. Bis vor kurzem hatten wir unsere eigene Baustelle und da war einfach gar keine Luft für Anderes. Und ich hatte immer so ein bisschen das Gefühl, dass ich mich auf dem Hof mehr einbringen müsste, aber hmmm… Wobei das von mir selbst kam und nicht von Außen. Jörg hat, finde ich, eine tolle Art einem eben kein schlechtes Gewissen zu vermitteln. So ein großes Projekt braucht eben Zeit.

Was glaubst du wird die größte Herausforderung an deiner Aufgabe.
Da ich erst so kurz dabei bin kann ich das schlecht abschätzen, aber eine große Baustelle kostet ja gewöhnlich Geld. Als Beispiel die Scheune: Wenn man da genau hinsieht, dann sieht man, dass Wasser durch das Dach tropft, es sind Eternitplatten auf dem Dach, das Gebälk ist teils feucht… wenn man so etwas machen lässt braucht man vom Gerüst bis zum… das ist einfach unheimlich teuer. Also wie können wir die Scheune sanieren ohne viel Geld zur Verfügung zu haben? Da müssen wir schauen. Eine Möglichkeit ist sicher, sich das mit Handwerkern vor Ort anzuschauen. Da kann ich meine guten Kontakte zu Handwerkern von meiner eigenen Baustelle sicher gut einbringen. Mit deren Meinung und Beratung sind wir dann schon einen Schritt weiter. Als nächstes könnten wir versuchen Fördermittel zu aquirieren. Die dritte Option ist, dass man oft auch pragmatische Lösungen finden kann, für Dinge die einfach funktionieren sollen, die dann vielleicht nicht so schön anzuschauen sind. Ich denke wir werden versuchen da eine gute Mischung hinzukriegen.

Ansonsten kommen wir über das Netzwerk der Mitglieder sicher an Kontakte mit Handwerkern oder an Material, was sonst weggeschmissen werden würde.

Was dann natürlich recht zeitaufwendig ist.
Natürlich. Und die Zeit ist dann wiederum die Limitierung. Alle die sich am Hof engagieren müssen ihre Zeit zwischen verschiedenen Dingen aufteilen. Andererseits ist die Arbeit am Hof – das geht jedenfalls mir so – ein toller Ausgleich zu meiner Arbeit, zum vielen Sitzen und vorm Bildschirm hocken, weil ich hier mit den Händen arbeite und dann ein Ergebnis sehe.

Gibt es etwas, das dich überrascht hat bei deinem Engagement am Hof?
Meine Erwartungen waren zu Beginn des Stadtbauernhofs eher unkonkret. Ich fand wie gesagt die Idee toll. Überrascht hat mich dann doch, wie viel sich in diesen 4 1/2 Jahren schon getan hat. Mit den letztendlich wenigen Mitteln die zur Verfügung stehen. Ganz einfach durch gemeinsame Aktionen.

Was ich als sehr positiv empfinde sind die Leute, die ich hier treffe. Viele kenne ich sicher garnicht, merke aber eine gemeinsame Wellenlänge. Den Umgang miteinander finde ich sehr angenehm bisher.

Überrascht hat mich auch, wie viel Ernte man dann doch aus einem so kleinen Stück Land herausholen kann. Und welche Vielfalt an Gemüse man dort anbauen kann. Ich hatte zum Beispiel anfangs nicht erwartet, dass ich mal Auberginen oder so eine Fülle an Tomaten bekomme.

Wie könnte sich der Stadtbauernhof deiner Meinung nach weiter entwickeln?
Ein Problem mit der großen Zahl an Mitmachern, Besuchern und Leuten die kommen um ihre Ernte zu holen ist der zunehmende Verkehr durch das Almet. Dafür sehe ich leider gerade auch keine Lösung. Ich bin in der komfortablen Lage, dass ich mit dem Fahrrad nur 10 Minuten von hier wohne. Aber das ist ja nicht für alle so. Wie gehen wir also um mit diesem Nebeneffekt, den wir eigentlich garnicht wollen? Sebst ich fahre manchmal mit dem Auto zum Hof um mein Gemüse zu holen, weil ich danach gleich weiter fahre um meine Tochter abzuholen.

Dann hat das Almet ja, trotzdem es außer dem Stadtbauernhof noch den Alpakkahof und andere engagierte Nutzer gibt, Gegenden, wo man nicht unbedingt im Dunklen hin möchte. Da glaube ich, dass der Stadtbauernhof positiv auf das gesamte Almet ausstrahlt, und hoffe, dass das Almet auch ein bisschen an dem Vorbild wächst. So wie der Stadtbauernhof im Kleinen, der ja selbst keine besonders tolle Ausgangssituation hatte, hat auch das Almet unheimliches Potential.

Auch bei der Vernetzung mit anderen Höfen und Solawis, zum Beispiel als Streuobstprojekt. Oder in der Bildungsarbeit…

Gerade bei der Bildungsarbeit hängt ja viel von der Infrastruktur auf dem Hof ab.
Genau, sobald die Außenküche gebaut ist wird sie auch für die Bildungsarbeit genutzt werden. Ebenso die Innenküche. Und da entstehen ja langsam die Grundlagen. Auch aus den Stallbereiche, wo im Moment alles m]ogliche abgestellt und gelagert wird, kann irgendwann etwas schönes entstehen.

Großes Potential sehe ich einfach in der Kreativität des ganzen Projektes. Es ist halt kein Modell vorgegeben sondern dieses wird nach und nach entwickeln. Mit den Köpfen und Möglichkeiten die eben da sind.

Ich glaube ja, dass diese vielen Möglichkeiten von Manchen auch als blockierend wahrgenommen werden.
Ich empfinde es eher als Herausforderung, etwas entstehen zu lassen aus etwas, wo andere Leute die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Das ist sicher Typabhängig. Hier die Stärken der Mitglieder herauszufinden – sei es im gärtnerischen oder im Bildungsbereich – und die Leute zu ermutigen sich einzubringen und etwas zu gestalten, ist dann besonders wichtig. Und ich finde Jörg ist jemand der das gut kann. Die Leute sind eben das wichtigste am ganzen Projekt.

Das ist doch ein gutes Schlusswort, finde ich. Eine allerletzte Frage möchte ich dir noch stellen: Wenn du ein Obst oder ein Gemüse wärst, was wäre das?
Ich wäre gerne der alte und knorzige Kirschbaum der auf dem Hof steht. Der mit der Schaukel und dem Insektenhotel. Ein Gemüse möchte ich lieber nicht sein, denn dem Gemüse ist es kaum vergönnt länger stehen zu bleiben. Das stirbt ja jedes Jahr auf’s Neue. Über die Jahre würde ich dann alles beobachten was sich auf dem Hof tut und verändert.

Danke Dagmar, für das spannende Gespräch!

stadtbauernhofpresse

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