Interview mit Melanie vom Stadtbauernhof

Über 100 Mitglieder engagieren sich für den Stadtbauernhof Saarbrücken. Das sind über 100 verschiedene Persönlichkeiten, unterschieldliche Motivationen und tausende von Ideen. In unserer Interviewreihe möchten wir euch einige der Menschen vorstellen, die sich auf ihre eigene Art für den Stadtbauernhof engagieren und zeigen, wie vielfältig dieses Engagement ist.

Melanie ist eine der neu gewählten Koordinatorinnen der Umweltbildungsgruppe des Stadtbauernhofs. Wir treffen uns im Globalen Klassenzimmer des Netzwerk Entwicklungspolitik im Saarland e.V., wo Melanie arbeitet.

Melanie, erzähl doch kurz was zu deinem Hintergrund…
Ich bin Melanie Maltern-Gnanou, 48 Jahre alt und Mutter von 2 Kindern. Ich bin Diplom-Agragingenieurin von Beruf und abeite beim NES (Netzwerk Entwicklungspolitik im Saarland e.V.) hier in Saarbrücken.

Wie lange engagierst du dich schon für den Stadtbauernhof?
Vor 4 oder 5 Jahren hing hier am Haus der Umwelt, wo ich arbeite, ein Zettel an der Tür: „Stadtbauernhof Saarbrücken: Wir suchen ein Gelände. Wir möchten einen Hof pachten um eine Solidarische Landwirtschaft hier in Saarbrücken aufzubauen.“ So bin ich mit Jörg Böhmer in Kontakt gekommen. Ich war dann bei ein oder zwei Treffen dabei – damals noch bei Jörg und Imka in der Privatwohnung, da es ja noch keinen Hof gab.

Das war also die Zeit vor 2014 oder 2015, bevor der Hof gepachtet wurde.
Genau, in der Gründungs- und Vorbereitungsphase.

Kanntest du das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft, war dir das ein Begriff?
Ich hatte davon schon gehört und auch viel gelesen, eben weil ich aus der Landwirtschaft komme und in Kassel-Witzenhausen Ökolandbau studiert habe. Als ich dann hier die Anzeige gesehen habe, habe ich mich riesig darüber, dass es Leute gibt, die so etwas in Saarbrücken aufbauen wollen. Und zwar nicht die üblichen Verdächtigen, die ich über meine Arbeit kenne, sondern jemand ganz anderes – eben Jörg und Imka.

Mittlerweile gibt es ja einen Hof, wie engagierst du dich jetzt auf dem Stadtbauernhof?
Ich war von Anfang Mitglied im Verein, habe auch einen Ernteanteil mit meiner Familie. Seit zwei oder drei Jahren bin ich festes Mitglied der Bildungsgruppe. Da ich auch bei meiner Arbeit viel mit Bildung für nachhaltige Entwicklung und globalem Lernen zu tun habe und mir das riesigen Spaß macht, wollte ich mich auch auf dem Stadtbauernhof in diese Richtung engagieren.

Wie häufig und viel viel engagierst du dich?
Wir treffen und monatlich mit den anderen Mitgliedern der Bildungsgruppe. Dort wird besprochen, wie wir die Bildungsarbeit ausbauen, verbessern und koordinieren. Vor allem im Sommerhalbjahr gibt es viele Anfragen von Kindergärten und Schulen, die nicht nur eine 2-stündige Hofführung machen wollen sondern auch insgesamt mehr Bezug zur Landwirtschaft erhalten möchten. Beziehungsweise die LehrerInnen wollen, dass die Schüler mehr Bezug zur Landwirtschaft bekommen. Wir organisieren dann wer welche Führung durchführt, was der Inhalt der Führung sein soll und so weiter.

Führst du auch selbst Hofführungen durch?
Ja, wenn ich Zeit finde mache ich das auch. Im Nachgang beratschlagen wir dann was gut gelaufen ist, was war nicht so gut und versuchen das zu optimieren.

Was gefällt dir daran?
Damals schon, als ich meine Ausbildung als landwirtschaftliche Gehilfin auf mehreren Demeterhöfen gemacht habe, habe ich an mir selbst gemerkt, dass ich als Stadtkind aus Saarbrücken überhaupt gar keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft hatte. Boden habe ich damals nicht als etwas Wertvolles, als Ressource wahrgenommen: Das war für mich einfach Dreck! Es ist mir ein Anliegen, dass Menschen wieder eine Beziehung zur Landwirtschaft bekommen. Auch zur Natur, natürlich, aber vor allem eine Beziehung zur Herstellung unserer Lebensmittel.

Und das versucht ihr in der Bildungsgruppe des Stadtbauernhofs zu vermitteln?
Ja. Zum Beispiel ist es für die meisten Kinder schon ein Aha-Effekt, wenn wir aus selbst gepflückten Kräutern einen Tee zubereiten. Also: Von der Wiese pflücken, heißes Wasser draufschütten, trinken und es schmeckt! Ganz ohne Teebeutel. Allein das finde ich schon immer faszinierend.

Was findest du anstrengend?
Dass es natürlich Zeit kostet. Zunächst muss mit dem Lehrpersonal viel abgestimmt werden und die unterschiedlichen Erwartungen beider Seiten auf die gleiche Ebene gebracht werden. Manchmal sind die Vorstellungen und Erwartungen einfach unterschiedlich, was man mit so einem Besuch will – und diese Abstimmung braucht Zeit die häufig nicht da ist. Auf beiden Seiten. Dann passiert es auch schon mal, dass zum Beispiel Schüler und Schülerinnen kommen, die für einen regennassen Novembertag im Freien absolut nicht passend angezogen sind. Das schockt mich dann auch und tut mir unheimlich leid für die Schüler.

Da stellt sich die Frage ob die Schüler überhaupt Lust haben noch einmal wieder zu kommen oder Lust bekommen auf Landwirtschaft und Gärtnern…
Wahrscheinlich nicht… das ginge uns ja genau so, wer friert denn schon gerne?
Ich habe das auch erst in der Lehre gelernt was es bedeutet sich richtig anzuziehen. Oder was es bedeutet stundenlang Unkraut zu jäten – wie sich das anfühlt. Oder Möhren im Lager zu putzen – alles Dinge die ich nicht kannte. Meine Mutter hat eben auch nur Gemüse im Supermarkt gekauft.

Findest du es – mit dem Hintergrund – verständlich, dass viele Menschen nicht darüber nachdenken wollen, wo ihr Gemüse herkommt? Das meiste gibt es ja im Supermarkt immer und zu jeder Jahreszeit.
Ja klar, wenn man das nur so kennt. Andererseits möchte ich gerade deswegen jungen Menschen einen Einblick in einen anderen Bereich geben. Um auch die Faszination zu erleben, die ich damals hatte: Wenn man etwas aussät und das dann isst. Und das kann ich ja nur erleben, wenn ich darum weiß. Viele Judendliche sagen ja zum Beispiel „Ich ess‘ nicht gern Karotten.“, weil sie vielleicht nur Karotten aus industrieller Landwirtschaft probiert haben, die meines Erachtens nach ziemlich geschmacklos sind. Wenn dann junge Menschen Karotten auf dem Acker ernten und kosten, beispielsweise alte Sorten, dann hören wir oft: „Wir wussten garnicht, dass Karotten so schmecken können“.

Gibt es etwas, was dich sehr überrascht hat an deinem Engagement für den Verein?
Ja… ich dachte anfangs, dass alle Menschen die sich für eine Solawi engagieren ganz ähnlich ticken wie ich. Das fand ich einen ganz interessanten Prozess, auch in unserer Bildungsgruppe: Sich gegenseitig kennen zu lernen und zu merken, dass wir nicht nur unterschiedlich alt sind und unterschiedliche Berufe haben, und zu sehen, dass es viel Zeit und Willen und vielleicht auch Methoden braucht um einen gemeinsamen Nenner zu finden. Um dann auch möglichst an einem Strang zu ziehen. Möglichst, vielleicht muss das ja auch nicht immer sein, dass alle das gleiche wollen bei so einem Projekt. Das war für mich zwischendrin eine Erkenntnis die nicht so einfach war.

Was meinst du: Wo soll sich der Bauernhof hin entwickeln.
Also erstmal wollte ich sagen, die ich von Anfang an dabei bin, dass der Hof in diesen 4 oder 5 Jahren eine wahnsinnige Entwicklung durchgemacht hat. Wenn man eine Liste oder einen Dankbarkeitszettel schreiben würde, was alles schon passiert ist im Vergleich zu damals – wo es ja noch nicht einmal einen Hof gab – wäre die Liste schon sehr lang. Da ist irre viel passiert, was auch hätte 10 Jahre dauern können.

Aber da es ja nun so rasant ging könnte ich mir vorstellen, dass der Hof in ein paar Jahren alternative Kommunikationsstrukturen benutzt. Zum Beispiel ist ja gewaltfreie Kommunikation schon eine Basis, aber vielleicht auch auf anderen Ebenen mit unterschiedlichen Gruppen auf dem Stadtbauernhof so kommuniziert wird, dass es transparenter wird. Und ich glaube, dass wir alle in der Gemeinschaft sehr kreativ sind – angefangen von der Pinnwand im Ernteraum, die mehr genutzt werden kann, Social Media…

Und dass wir es schaffen, dass sich noch mehr Untergruppen bilden. Zum Beispiel Leute die gemeinsam Lebensmittel konservieren – so dass wir selbst im Winter in den Ernteraum gehen können wo dann 50 Gläser eingelegte Gurken auf uns warten. Das ist schon im Werden aber nicht so richtig etabliert. Ich fände es sehr schön, wenn wir es auf diese Weise und solidarisch erreichen könnten, auch Lebensmittel zu den Zeiten zur Verfügung zu haben, wenn nichts frisches auf den Feldern wächst.

Ich fände auch gemeinsame Aktionen sehr schön. Nicht nur arbeiten, sondern auch ein Picknick oder gemeinsame Visionswochenenden à la Dragon Dreaming… das schließt natürlich mit ein, dass die Leute die beim Stadtbauernhof mitmachen in ihrem Alltag auch genügend Freiraum haben um mit Muse solche Angebote vom Stadtbauernhof wahrzunehmen. Ich erlebe es so: Lust dazu haben alle, aber viele sind einfach mit Arbeit und Familie so eingebunden, dass sie es nicht schaffen. Man braucht ja auch ein bisschen Zeit für sich selbst.

Und meine dritte Vision ist etwas, was ich früher als Bauernhof verstanden habe: dass der Stadtbauernhof ein Ort sein könnte, der es Kinder aus der Stadt ermöglichen könnte auch Tiere näher zu erleben. Vielleicht könnte auf einer Wiese ein kleiner selbst verwalteter Bauernhof entstehen, wo Tiere ihr Gnadenbrot bekommen könnten, sie von Kindern aus der Umgebung als Patenschaft gepflegt werden, und wo es einen riesigen Platz mit alten Brettern und Werkzeugen gibt wo sich die Kinder selbst etwas bauen können. So eine Art von Kinderbauernhof gibt es an anderen Orten schon und das fände ich superspannend. So ein Ort zum Verweilen und Kreativ sein. So ein bisschen in Richtung Wandelbar…

…die ja leider im Moment auf Eis liegt…
Ja leider. Da gibt es Material und Werkzeug und Menschen die andere dabei unterstützen ihre Projekte zu verwirklichen.

Wow, das waren viele Visionen. Jetzt habe ich auch nur noch eine Frage liebe Melanie: Wenn du ein Gemüse wärst, welches wärst du dann?
Also als Karotte würde ich mich sehr wohl fühlen…

Wieso?
Meine Lieblingsfarbe ist orange und Karotten ist ein Gemüse, dass ich immer essen könnte.

Dann könnte ich mir auch vorstellen ein Fenchel zu sein. Ich mag die Farbe, den Geruch… und ich mag es, dass der Fenchel einerseits unten so fest und bodenständig ist und oben so filigranes und zartes Kraut hat. Das gefällt mir!

Danke für das nette Gepräch, liebe Melanie.

stadtbauernhofpresse

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